Sigrid Bieri, ehemals Jordanstraße

Von: siegfried.bannack@web.de
Am: 12.02.2002  15:09:18

"Es war Faschingsdienstag 1945, der 13. Februar. Wir waren in das Bett gebracht worden, Mutti ließ die Türe noch einen Spalt offen, Vati ging in die Stube hinein, er wollte noch etwas lesen, Mutti wollte noch etwas stricken. Und dann kam plötzlich Alarm, es muß so um 10 Uhr gewesen sein, oder halb 10. Und wenn Alarm kam ging Vati zum Radio, stellte es an und ich weiß noch, ich habe das noch im Ohr: tick tack, tick tack, Achtung, Achtung, ein Verband feindlicher Flugzeuge nähert sich von Nordwesten und überfliegt die Stadt soundso.

Ja und Vati kauerte vor dem Radioapparat und hörte sich das an bis zur letzten Minute. Mutti machte uns während dieser Zeit zurecht, schlug uns einen Mantel um und die beiden Babys natürlich auch und sie, sie wurde sehr nervös und sagte dann: Vati, jetzt komm doch. Und dann bequemte er sich endlich und bis zum letzten Augenblick mußte er das Radio abhören.

Wir hörten ja auch schwarz, das war doch eine ganz andere Geschichte. Da mußte entweder die Mutti oder ich vor der Eingangstür unserer Wohnung spähen, durchs Schlüsselloch, ob kein Nachbar davor stand und uns abhörte, und die andere, Mutti oder ich, mußte ans Fenster gehen, auf die Straße sehen ob nicht gerade ein Nazi vorbei kam, SS oder ein anderer, ich weiß nicht wie man sagt, das wurde bestraft, es gab Gefängnis.

Und an diesem Abend und auch schon vorher, ich weiß nicht mehr genau, ein oder zwei Tage vorher, da kamen feindliche Flieger, ohne Bomben abzuwerfen. Sie warfen eine Menge Flugblätter ab und das war unter Strafandrohung verboten, eben diese Flugblätter aufzuheben und zu lesen.

Natürlich, die wurden dann sofort weggewischt von der Behörde, aber wir lasen sie dann trotzdem. Und da stand darauf, ich weiß natürlich nicht den genauen Wortlaut, ja ich war ein Kind, ich habe auch nicht selber gelesen, aber was ich so gehört habe, da stand drauf: "Deutsche oder Dresdner Frauen, Töchter und Mütter, schreibt ein letztes Mal an eure Söhne, Ehemänner und Väter an der Front, denn in einigen Tagen wird eure Stadt dem Erdboden gleich gemacht".

Und da waren natürlich verschiedenen Meinungen zu hören, die einen sagten das ist nur Bluff, die wollen nur die Moral unserer Soldaten an der Front verderben und die anderen sagten, nichts wie weg; und das waren die Vernünftigen. Wenigstens für einige Zeit weg, zu Verwandten auf das Land einige Tage, mal sehen was kommt.

Ja und wir blieben und so kamen wir runter, also da hatten wir noch Zeit schnell den Hof zu überqueren und ins Hinterhaus in den Keller zu gehen, mit dem Kinderwagen und ich weiß noch daß wir irgendwo am Fußboden liegend, wegen dem Luftdruck neben Kartoffeln, so waren wir einquartiert. Und der Luftdruck eben, ich lag so neben den Eltern und die Gerlinde schrie was das Zeug hält, ich glaube da in dieser Nacht, das ist meine Idee so, hat sich die Gerlinde ihren Herzklappenfehler geholt. Sie ist ja nie richtig gediehen, war immer blaß und schmal und nervös, hat nicht richtig gegessen. Die hat so geschrien in der Nacht.

Ich hielt den Kinderwagen an den Rädern fest von unten so, weil mir von dem Luftdruck gesagt worden war, ich hatte ja Angst, der Raum fliegt plötzlich weg. Und so lagen wir und die Bomben kamen. Es kollerte, ich hatte den Eindruck ein Haufen Steine kollerten jeweils in das Kellerfenster, das ja versperrt war, mit Blech. Das war natürlich der Krach der Bomben die jetzt überall fielen. Und ich fragte und bis dahin hatte ich vom Angriff so eine komische Idee, wie Kinder das manchmal haben, wenn ich im Radio hörte jeden Tag fast: "Hamburg wurde vom Feind angegriffen, letzte Nacht", da dachte ich, warum bringen sie das doch immer im Radio. Das ist doch nicht so wichtig wenn jetzt Feinde auf ihren Fahrrädern in eine Stadt hineinfahren und die Mauern angreifen, warum ist das jetzt so wichtig. Und in dieser Nacht hatte ich plötzlich die Eingebung, die Erleuchtung: Angriff, aha, ich hatte schon vorher von Bomben gehört aber hatte das Wort Angriff nicht damit in Verbindung gebracht, und ich fragte die Mutti, ist das ein Großangriff jetzt? Und die Mutti sagte, ich weiß nicht, frage Vati. Vati, ist das ein Großangriff? Weiß nicht, schweig jetzt.

Und so, in diesem ersten Angriff bekam ich einen Begriff, was der Tod ist. Nein ich hatte keine Angst, keine Todesangst, ich war über jede Angst hinweg schon. Man konnte gar nicht mehr Angst haben. Ich dachte nur lange, lange, immer wieder, ach, jetzt werden wir alle sterben, jetzt werden wir ausgelöscht. Haben wir noch eine Minute zu leben? Mal sehen, bis der nächste Krach kam, vielleicht noch eine Minute, jetzt, vielleicht noch fünf, bevor wir alle sterben. Und dieses Zählen.. eine Minute, zwei Minuten, vielleicht noch fünf sogar, als höchstes Limit, das war mein Todesbegriff.

Und von da an konnte ich auch gar nicht mehr so richtig Angst empfinden. Im Nachhinein, alles was noch kam, die Flucht, die war ja noch viel schlimmer als der Angriff, das dauerte zwei Monate, in kleinen Portionen. Die Ängste und so.

Gut, jedenfalls nach einer Ewigkeit war es plötzlich fertig, es war ganz in der Ferne, da kam so ein Endalarmzeichen ganz langgestreckt, es war wie wenn es in einer anderen Stadt wäre. Bei uns waren ja alle Sirenen zerbombt, und gut, dann gingen wir wieder rauf und es war schon Lichterschein, Feuerschein, aber nicht ganz so nah bei uns. Wir waren noch verschont geblieben und wir konnten noch mal in unsere Wohnung rauf.

Die Behörden hatten die Bevölkerung angewiesen, bei Alarm immer die Fenster einen Spalt offen zu lassen, sonst bersten die Scheiben. Aber durch den offenen Spalt war inzwischen Ruß gekommen, von den Feuersbrünsten die rund umher waren. Ich weiß noch, der Vati hatte ein Buch offen liegen lassen in der Stube, wo er gerade drin las. Das war mit einer dicken Rußschicht bedeckt und alle Möbel auch.

Die Eltern brachten uns wieder in die Betten, wo wir sofort einschliefen. Und sie mußten Reinemachen, den ganzen Ruß wegwischen. Nicht ganz in der Nachbarschaft brannten die Häuser ringsum, aber zwei Straßen weiter ganz sicher waren schon Brände ringsum. Und dann, das hat mir die Mutti erzählt, nach einer Stunde, eineinhalb Stunden etwa, ging sie noch mal in den Keller runter, sie hatte was vergessen mit rauf zu nehmen. Und da fand sie im Flur in unserem Vorderhaus einen Soldaten und der hat gefragt, wo ist hier der Keller? Und sie hat ihm gesagt, ach, sie brauchen nicht im Keller schlafen, kommen sie mit zu uns rauf in die Wohnung, wir machen ihnen ein Bett zurecht. Da sagte der Soldat, ich will nicht schlafen, ich will mich schützen, die kommen nämlich wieder. Oh, ach, und diesmal gab es keinen Alarm mehr und die Mutti kam schnellstens rauf und wir wurden wieder aus den Betten gerissen und wir haben diesmal keine Zeit gehabt, um über den Hof zu kommen.

So mußten wir im Keller im Vorderhaus bleiben, der weniger abgestützt war, befestigt oder was. Ich weiß noch, in den Kellern da war immer eine Wanne, eine Badewanne voll Wasser, und wir hatten ja das kleine gelbe Säckchen mit aus Stoff, das wir immer tragen mußten, unsere Anfangsbuchstaben waren drauf gestickt, auch in der Schule tagsüber. Das mußten wir immer bei uns haben mit Verbandsmaterial. Und das hat uns in dieser Nacht natürlich genützt.

Gut, dann kam wieder dasselbe wie vorher. Ich weiß nicht mehr, so als Kind, wie viele Stunden oder Halbstunden das ging, jedenfalls kamen wir wieder nach langer Zeit rauf und da brannte so ziemlich alles lichterloh und unser Haus auch. Und die Mutti blieb dann im Hof stehen mit uns Kindern. Der Vati ging noch einmal rauf, um wichtige Sachen noch aus der Wohnung zu holen. Denn es konnte ja bis in die erste Etage, wo wir wohnten abbrennen. Es war ja keine Feuerwehr mehr zu erhoffen. Ich weiß nicht, was aus den anderen Nachbarn wurde, wir haben uns ja nur um uns gekümmert und als Kind sowieso.

Ich dachte nichts wie weg hier, das einzige, das ich über jemand anderen mitbekam war, wo wir von der Jordanstraße in die Königsbrücker Straße einbogen. Und zwar brannte da ein Haus auf derselben Seite, wie unser Haus. Und die Mutter von einem Schulkameraden stand davor und rief den Namen des Kindes: Günter, Günter! Und sie riß sich die Haare aus und das Haus brannte lichterloh und ich weiß nicht, wo der Günter stecken geblieben war. Das ist mir in Erinnerung geblieben.

Wir sind nicht wieder in die Wohnung, nur der Vati, der hat in seiner einzigen Panik Anfälle bekommen, da er wußte, die Zeit war ganz kurz und vielleicht verbrannten wir da alle wenn wir nicht versuchten ganz schnell aus der Stadt heraus zu kommen. Und so hat er nicht mehr überlegen können und riß Zeug raus aus der Wohnung, das wir gar nicht mitnehmen konnten. Am nächsten Tag glaube ich, ist er wieder in die Stadt gegangen und ist noch mal rauf und hat noch mal klaren Kopfes Rationierungsmarken usw. raus geholt.

Wir sind von dort aus direkt nach Klotzsche geflüchtet. Mit dem Kinderwagen, in Filzschuhen, weil wir beim zweiten Angriff wirklich keine Zeit mehr hatten uns richtig anzuziehen. Das war alles überstürzt. Und so marschierten wir los, die ganze Familie.

Die Straße war zeitweilig verschüttet und da mußten wir mit dem Wagen drüber. Die Eltern hoben den Wagen über die Steine hinüber, man verbrannte sich die Füße und die Schuhe, es war alles heiß. Und die Rauchentwicklung, wir mußten Gasmasken anhaben und den feuchten Mundschutz usw. Nicht die ganze Zeit, aber bis wir aus dem Ärgsten, aus der Stadt raus waren, sonst würde ich mich nicht an das Gefühl erinnern. Zum Glück wohnten wir in der Neustadt, die nicht so arg getroffen war, sonst wären wir nie lebend raus gekommen, mit zwei kleinen Kindern. Und dann liefen wir durch den Wald, da war ein Arsenal, ich weiß noch, wir liefen da vorbei und auf einer Anhöhe blieben wir stehen und guckten uns um. Und da war ein großer roter Feuerball, das war unsere Stadt gewesen.

Und nach einer Weile, es nieselte so, da kamen wir bei den Großeltern an und klingelten. Ein Fenster ging oben auf, die Großeltern riefen, der Opa wahrscheinlich: Wer ist da? Und lakonisch sagte der Werner: "Werner und Kätel ausgebombt." Und dann ging das Fenster wieder zu, es wurde erleuchtet, hell im Haus und die Großeltern kamen uns aufmachen. Ich wurde dann Huckepack ins Bett getragen und wußte von da an nichts mehr. Die Großen, die erzählten sich wahrscheinlich dann bis spät in die Nacht hinein, es war inzwischen Morgen geworden.

Und am nächsten Tag, wir machten es uns so bequem wie möglich im Hause, alle zusammen, da kam wieder Fliegeralarm. Noch mal. Wir gingen in den Keller, inzwischen war aber eine junge Frau aus Dresden auch bei den Großeltern aufgenommen worden. Die war mit ihren zwei kleinen Kindern da. Und die war ein bißchen verrückt geworden, durch die Angst, durchgedreht, genau. Und im Keller machte sie alle anderen ebenfalls verrückt, denn sie konnte nicht anders als immer wieder dieselbe Geschichte erzählen, immer und immer wieder, wie sie beim zweiten Angriff nur noch Zeit hatte den älteren Buben zu holen, ein einjähriger etwa, und wo sie das Baby im Babyzimmer holen wollte hatte sie noch Zeit es aus dem Bettchen zu heben und schon schlug die Decke ein und über dem Bettchen zusammen. In letzte Sekunde konnte sie noch ihr Kleinstes retten. Und dann kam sie in den Keller und der Rauch machte sie blind. Sie war noch einige Tage ganz blind und mußte geführt werden und machte uns alle wirklich verrückt. Ich sage dir, die Erwachsenen die haben schon ihre eigene Angst auszustehen und dann wußte man ja nicht, ob die auch mit dem Leben davon kommen.


Die Schülerin Sigrid Bieri, damals 8 Jahre alt, wohnte mit ihren Eltern und Geschwistern in der Jordanstraße 5 in Dresden Neustadt. Heute lebt sie in der Schweiz. Sie sprach ihre Erlebnisse bei einem Besuch im August 1998 in Dresden auf Band.





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