Sonja Rauch, München

Von: siegfried.bannack@web.de
Am: 12.02.2002  14:47:24

"Ich ging immer zeitig ins Bett, an diesem Abend auch. Und plötzlich heulten die Sirenen. Eingedenk der Tatsache, daß bis jetzt nicht viel passiert war, wollte ich nicht mit in den Luftschutzkeller gehen, aber meine Mutter gab keine Ruhe, bis ich mich angezogen hatte und mein gepacktes Köfferchen nahm. Meine Schultasche nahm ich auch mit, denn ich stand ja in der Prüfung. Meine Mutter hatte des öfteren den verbotenen englischen Sender gehört und ahnte vielleicht, was uns erwartete. Und dann begann die Hölle und die Bomben krachten. Ein Soldat, der auf Fronturlaub war, saß zitternd unter einer Decke und sagte: "Das ist ja schlimmer als an der Front!" Ich weiß nicht mehr, was ich damals gefühlt habe und frage mich heute: "Was denkt der Mensch eigentlich, wenn er plötzlich und unerwartet mit einem derartigen Wahnsinn konfrontiert ist?"

Meine Mutter und ich saßen eng beieinander. Mein Vater war 1944 zum Sicherheits- und Hilfsdienst eingezogen worden und mußte auf einem Kirchturm in der Dresdner Altstadt Wache halten. Es kam Entwarnung und wir gingen wieder nach oben in die 3. Etage. Unser Haus hatte keinen Treffer abbekommen wie einige der gegenüber liegenden Häuser, die zum Teil brannten. In unserer Wohnung waren die Fensterscheiben zersprungen und gegen den Feuersturm hängten wir feuchte Tücher in die Fensterrahmen. Mein Vater kam, um nach uns zu sehen. Als er die Neustadt brennen sah, hatte er sich vom Dienst beurlauben lassen. Das war sein Glück, denn beim zweiten Angriff war dieser Kirchturm abrasiert worden und die Kirche abgebrannt wie alles ringsherum.

Der zweite Angriff erfolgte ohne Warnung, denn die Sirenen versagten ihren Dienst. Jetzt fiel Bombe auf Bombe, auch auf unser Haus. Zwei Häuser weiter war eine Sprengmine niedergegangen und es regnete Phosphor. Also raus aus dem Keller und durch mehrere Mauerdurchbrüche ins Freie. Diese Durchbrüche waren unsere Rettung. Von Keller zu Keller waren Ziegel aus den Mauern ausgebrochen und nur lose wieder eingesetzt worden. In Reih und Glied schob ich unsere Hausgemeinschaft durch diese Löcher. Auch in diesen Situationen kann es beinahe lächerlich zugehen. Einer sehr dicken Frau war die Öffnung zu klein und sie mußte von vorne gezogen und von hinten geschoben werden. Jedenfalls arbeiteten wir uns wie die Maulwürfe durch mehrere Keller hindurch, um in einer Nebenstraße wieder ans Licht zu kommen, denn die Nacht war vom Feuer taghell erleuchtet. Die Häuser, die dem ersten Angriff zum Opfer gefallen waren, stürzten zum Teil schon ein, brennende Balken versperrten die Straße und der Feuersturm heulte.

Als Luftschutzmaßnahme waren überall Wasserbehälter aufgestellt worden. Mein Vater übernahm das Kommando. Wir tauchten unsere Mäntel in das Wasser, rannten in die Mitte des Infernos und auf die nächste Hauptstraße zu. Dort stand noch ein unversehrtes Haus und wir setzten uns in das Treppenhaus desselben. Von da aus durften wir zusehen, wie unsere Wohnung abbrannte, auch mein antiker Butzenscheibenschrank, den ich mir im Januar von meinem ersten Lohn als Schaffnerin angeschafft hatte.

Eine Frau aus diesem Hause sah uns auf der Treppe sitzen. Sie bat uns zu sich herein und kochte uns einen Kaffee. Das Ausmaß dieser Katastrophe hatten wir in diesem Augenblick bestimmt noch nicht begriffen. Erst als wir am frühen Morgen aus der Altstadt über die Elbbrücken flüchtende Menschen sahen, nahezu nackt, ohne Schuhe - diese waren im heißen Teer stecken geblieben -, mit halb verbrannten Haaren und Brandwunden am Körper, bekamen wir eine Ahnung, was sich in dieser Nacht ereignet hatte. Die schreckliche Wahrheit kam erst nach und nach in unser Bewußtsein: eine Stadt war nahezu ausgelöscht worden. Das Buch: "Der Untergang von Dresden" von David Irving beschreibt das ganze Ausmaß des Todes einer Stadt.

Vorerst ging das tägliche Leben weiter. Mit feuchten Tüchern vor dem Gesicht und unserer armseligen Habe setzten wir uns in Richtung Dresden-Weißer Hirsch und Bühlau in Bewegung. Nur heraus aus dieser brennenden Stadt! Am Waldschlößchen verabschiedete sich mein Vater von uns, denn er mußte sich wieder zurückmelden, sonst hätte er sich der Fahnenflucht schuldig gemacht. Meine Mutter und ich zogen in einer Schar flüchtender Menschen weiter. Außer unserem Handgepäck besaßen wir nichts mehr. Meine Schultasche hatte ich gerettet. In ihr waren meine ersten Feldpost-Liebesbriefe eines jungen Leutnants. Ich habe sie noch heute.

In der Dresdner Heide stand eine Gulaschkanone mit warmem Essen bereit. Kaum hatten wir unsere Portion empfangen, gab es einen Tieffliegerangriff. Ein Soldat empfahl uns, sich mit einem Zweig zu tarnen, hinzukauern und ganz ruhig zu sein. Die Flugzeuge donnerten über die Kiefernwipfel hinweg und alles, was sich bewegte wurde mit Bordwaffen angegriffen. Es fielen noch Sprengbomben auf die bereits brennenden Häuser in der Stadt. Ich weiß noch heute, daß ich den Gedanken hatte: "Du bist zu jung zum Sterben", dann war der Spuk vorbei. Nachdem wir unsere Suppe aus dem geliehenen Kochgeschirr geschlürft hatten -, einen Löffel besaßen wir nicht mehr -, setzten wir unseren Marsch fort. In Weißig sollte ein Auffanglager sein. Bis dahin schafften wir es aber nicht mehr.

Meine Mutter und ich durften in einem Haus, das an der Wegstrecke stand, zu zweit auf einem kleinen Sofa übernachten. Die Besitzer erwarteten aber Verwandte aus der Stadt und wir mußten uns nach einem neuen Quartier umsehen. Eine Freundin meiner Mutter beschaffte uns ein möbiliertes Zimmer in einem Haus in Dresden-Bühlau, das unversehrt geblieben war, wie viele, die in den Außenbezirken standen. Die Fahrtmöglichkeiten waren miserabel und wir gingen weite Strecken zu Fuß, mittlerweile mit einem Löffel im Gürtel. Es war ja möglich, einer Gulaschkanone zu begegnen und eine warme Malzeit zu bekommen.

Meine Schulzeit war nunmehr abrupt abgeschlossen worden, die "Schule des Lebens" hatte begonnen, und zwar so ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. "Mit siebzehn, da hat man noch Träume...", und ich war ja gerade 17 Jahre alt geworden.

Einmal begegnete meiner Mutter und mir eine trübselige Menschenkolonne in gestreiften Leinenanzügen, die Leiterwagen zogen, auf denen Männer in gleicher Kluft saßen und ängstlich unter Planen hervorsahen. Es war ein Bild des Jammers. Kamen sie aus einem ausgebombten Gefängnis oder aus einem KZ? Jedenfalls sagten die bewaffneten Bewacher: "Geht weiter!"

Die Leichen vom Angriff - ihre Zahl ist umstritten - wurden wegen der Seuchengefahr auf dem Altmarkt in Scheiterhaufen aufgerichtet und verbrannt, andere auf offenen Pferdewagen, mit Kalk überstreut, auf dem Dresdner Heidefriedhof in ein Massengrab verbracht. Warum wird ein Mensch bei diesem Elend ringsum nicht wahnsinnig? Aber der Überlebenswille war bei den meisten wohl stärker. Wo bekomme ich was zu essen? Wo bekomme ich was zum Anziehen? Wo bekomme ich ein bißchen Wärme? Diese menschlichen Grundbedürfnisse standen im Vordergrund.

Meine Mutter und ich besuchten auch einmal meinen Vater, der in der Dresdner Altstadt stationiert war. Kilometerweise nichts als ausgebrannte Häuser und Räumkommandos, die Leichen aus den ausgebrannten Kellern bargen. Ich sah einen blonden, blauäugigen russischen Kriegsgefangenen, nicht viel älter als ich, der einen Toten mit einem um den Leib gebundenen Seil aus einer Fensteröffnung zog und dabei weinte. Diesen Jungen werde ich nie vergessen.

Mein Vater hatte bei seinen Dienstgängen auch gebärende Frauen gesehen, die aus der brennenden Frauenklinik herausgetragen und an einer Mauer niedergelegt worden waren. Dort waren sie verbrannt oder durch den Luftdruck einer detonierenden Luftmine getötet worden, eine Frau während des Geburtsvorganges. Der Kinderkopf schaute zwischen ihren geöffneten Schenkeln hervor. Auf den Friedhöfen waren Gräber durch Bomben aufgerissen worden und die Skelette hingen an den Bäumen. Das war das Grauen und der Terror pur - eine Apokalypse - und das alles von menschlicher Hand anderen Menschen angetan. Alles in allem der Wahnsinn des Krieges!


Sonja Rauch, geb. Groß wurde 1928 in Klotzsche bei Dresden geboren und lebte hier vier Jahre. Nachdem die Familie dann einen Wohnsitz in Dresden im Wilder Mann-Viertel nahm, zog sie 1938 in die Kurfürstenstraße in Dresden-Neustadt, die heutige Hoyerswerdaer Straße.





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