Repression und Konformität

Von: mail@harald-daehne.de
Am: 10.07.2001  16:09:57

Wer die Diskussion um die Überwachung mit Videokameras die letzten Jahre verfolgt, ist frustriert, mit welcher Selbstverständlichkeit immer häufiger Überwachungskameras gefordert, diskutiert und dann aufgestellt werden, zumal die rechtliche Situation - v.a. für Überwachung durch Private - noch immer nicht geklärt ist. Hier ein paar Punkte, die bitte nicht vergessen werden sollten: 1. Kameras verhindern keine Kriminalität. Sie wird abgedrängt zu Orten, an denen nicht überwacht wird. Wohin wäre das dann in der Neustadt (vorausgesetzt, die Alausstraße ist ein Kriminalitätsschwerpunkt...)? 2. Kameras suggerieren damit dem "braven" Bürger eine Sicherheitslage, die sich de facto nicht verändert hat. Es ist das alte Spiel: Die Politik schürt Angst vor Verbrechen und Chaos. "Die Alaunstraße/die Neustadt ein Hort von Verbrechern und Randalierern." "Das größte Problem Dresdens: Eine Handvoll Punker." (Als ob es hier nicht andere Probleme gäbe!). Dann bietet sie vermeintlich einfache und billige Lösung zu deren Beseitigung: Strafverschärfungen, Platzverweise, großer Lauschangriff, Schwanz ab bei Kinderschändern usw. Der Bürger ist beruhigt. Brav! Die Frage nach den Ursachen interessiert ja keinen. 3. Überwachung verhindert keine Kriminalität, aber sie führt zur Konformität. Tun wir mit Kameras im Nacken noch das, was wir ohne täten? Sind sie nicht ein Apell an uns, uns möglichst "normal" zu verhalten. So "normal" wie in der Werbung? Schön brav in den Geschäften konsumieren, aber sich nicht mal mit einer Flasche Rotwein auf die Straße setzen zu dürfen? Schön glatt und gerade wie im Elbepark oder auf dem Potsdamer Platz/Berlin? 4. Sicher gibt es Menschen, die sich so verhalten, dass sie uns stören. Wir wollen vielleicht nicht so leben wie sie. Und ihren Lebenstil verachten wir. Vielleicht, weil sie uns ein schlechtes Gewissen machen? Nicht malochen den ganzen Tag wie unsereins für Auto, Digicam und Gomera? Die sich den perversen Leistungsanforderungen der Gesellschaft verweigern oder vor ihnen kapitulieren mussten. Die vielleicht auch Verlierer sind? Doch da ist doch unsere Toleranz viel mehr gefragt, wie neue Repression! 5. Die Ursachen für Kriminalität liegen in der Ungleichheit der Gesellschaft. Je ungleicher sie ist, desto mehr Kriminalität gibt es. Daher: "Die beste Kriminalitätspolitik ist eine gute Sozialpolitik." Das sollten wir nicht vergessen! 6. Was wäre die Neustadt ohne das "Bunte", das Anderssein, ohne Platz für Punks und Penner? Da kann ich ja gleich in die Schevenstraße ziehen. Ein klinisch reiner Stadtteil, so wie ihn sich der Ordnungsdezernet gern wünscht? Nein danke! 7. Klar machen Geschäftsleute Lobbiismus und wollen verdienen. Doch wollen wir uns von einer Handvoll Leute, die ihre Profitinteressen maximieren wollen bestimmen lassen, wo, wie und mit wem wir in der Neustadt zusammenleben? Wer in die Neustadt zieht oder hier ein Geschäft aufmacht, muss auch wissen, worauf er sich einlässt. Entweder oder...




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