Spätshops als Alibi

Von: memoriter@web.de
Am: 22.11.2006  12:16:55

Die Entscheidung ist in der Tat merkwürdig. Haben sich doch die Spätshops seit Jahren als feste Größe etabliert. Sie sind meiner Meinung nach ein Teil der Neustadt-Kultur geworden und bieten die Möglichkeit, nicht nur in den leider zunehmend gleichförmigen Kneipen zu hocken. Außerdem: Wer die Spätshops auf den Verkauf von Aklkohol reduziert, kennt das Sortiment nicht, welches unter anderem auch aus Zigaretten, Nudeln, Toilettenpapier, Kondomen und Zahnbürsten besteht. Was die Verantwortlichen dieser Verordnung nun tun, ist nichts anderes als eine völlig undifferenzierte Reaktion auf die angespannte Situation vor der Scheune. Dieses Problem der herumlungernden Alkoholisierten auf dem Abschnitt der Alaunstraße besteht schon länger. Dagegen stimmt es, daß besonders in diesem Sommer die Spätverkäufe aus dem Boden geschossen sind, allerdings mit großen Qualitätsunterschieden. Nun allerdings den für ungeübte Neustadtbesucher naheliegenden Schluss zu ziehen, die Krawalle könnten durch das Angebot alkoholischer Getränke in besagten Shops befördert werden, ist verfehlt. Da ich selbst in einem Spätshop arbeite und im täglichen Kontakt mit den Leuten stehe, die dort einkaufen, kann ich ruhigen Gewissens behaupten, dort keine Krawallmacher bedient zu haben. Was momentan seitens der Polizeidirektion geschieht, ist, einen Sündenbock zu benennen, weil das eigentliche Problem kurzfristig nicht zu lösen sein wird. Außerdem scheint die Stadt Dresden zunehmen vor der Komplexität der Problematik zu kapitulieren. Wie anders ist es zu erklären, daß sie jetzt und heute, wo mehr finanzielle Mittel denn je zur Verfügung stehen und die Stadt sich rühmt, als einzigste in diesem Land schuldenfrei zu sein, trotzdem Projekte zur Jugenhilfe, Sozialstationen und ähnliche dringend benötigte Einrichtungen schließt, unter finanziellen Druck setzt und verlagert? Ich denke, es handelt sich bei der Polizeiverordnung um den ultimativen Test zur sogenannten "Befriedung" der Neustadt. Seit Jahren, eigentlich seit Anbeginn seiner Existenz, ist dieses einmalige Stadtviertel Angriffspunkt von Leuten, die sich an dem vorhandenen Potential der politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Freiheit und Kritik stören. Dieses Potential ist nach wie vor vorhanden, wenn auch der Enthusiasmus nach Jahren der Behinderung und Mißachtung verständlicherweise gelitten hat. Die Krawalle geben nun den willkommenen Anlass, die Hand der Polizei auf die Straßen zu legen. Wieso, frage ich? Was gibt der Stadt das Recht, die gesamte Äussere Neustadt mit einem Bann zu belegen, der aus dem Mittelalter stammen könnte oder aus der Zeit der Prohibition? Wieso vermögen ein paar Pöbelnde und aggressiv auftretende Gewaltbereite, die noch nicht mal hier wohnen und leben, diese Reaktion der Exekutive zu provozieren? Aus sicht der Anwohner ist es verständlich, sich zu beschweren, ich habe selber Freunde, die genau an dieser Ecke wohnen. Doch aus Sicht der restlichen, viel größeren und friedlichen Neustadt ist es ein Witz, ist es eine Erklärung der Unmündigkeit der hier lebenden Menschen, mit Alkohol umzugehen und eine Kriminalisierung sowie Vorverurteilung. Das kann nicht sein und es muß abgewendet werden. Momentan wird versucht, eine Unterschriftenaktion auf die Beine zu stellen. Die Listen sollen in allen betroffenen Spätshops ausliegen und die Anwohner sind eingeladen, ihre Unterschrift gegen diese Polizeiverordung zu leisten. Das Interesse daran ist groß und ich hoffe, es wird die letze Polizeiverordnung für die Neustadt gewesen sein... Auf alle Fälle werden Aktionen geplant, um die Einwohner dieses Stadtviertels aufzurufen, sich für diese Eingriffe zu sensibilisieren und darauf mit friedlichen Mitteln zu reagieren. Andreas


 


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